"Europa ist eine riesige Erfolgsgeschichte"

Elmar Brok im Interview mit der JU Minden-Lübbecke

Sein Beiname ist "Mister Europa". Doch nach der kommenden Europawahl wird Elmar Brok dem Europaparlament nicht mehr angehören. Es ist das Ende einer Ära und der Jungen Union Minden-Lübbecke Anlass für ein Interview mit dem dienstältesten Europaabgeordneten. Unser Geschäftsführer Florian hat mit Elmar Brok über seine Zukunft, den Zustand der EU und seine Heimat OWL gesprochen.

Was sind Ihre Pläne für die Zeit nach dem 26. Mai? Worauf freuen Sie sich am meisten?

Brok: Als erstes werde ich das „Mehr“ an Zeit genießen. Nach 8 Jahren Vize-Vorsitz und 39 Jahren Mitgliedschaft im Europäischen Parlament mit unzähligen Sitzungsmarathons, Auslandsaufenthalten und Wochenendterminen, freue ich mich, wieder Herr über meinen eigenen Terminkalender zu sein. 

Ich bin in diesem Jahr 48 Jahre mit meiner Ehefrau verheiratet, habe drei Kinder und bin auch Großvater – da wird mir schon genug einfallen, wie ich aufkommende Langeweile bekämpfen kann. Und auch mal wieder ein Heimspiel meines Lieblingsvereins Schalke live im Stadion zu sehen, würde mir Freude bereiten. Dazu gehört aber auch Opabereitschaft.

Darüber hinaus bleibe ich aber natürlich ein politisch denkender und auch agierender Mensch. Viele Aufgaben und Herausforderungen warten auf mich oder finden nun eine bedeutsamere Gewichtung. Erst im Dezember 2018 bin ich mit einem sehr guten Ergebnis in den CDU Bundesvorstand gewählt worden.

Worauf hätten Sie in den fast vier Jahrzehnten als Mitglied des Europäischen Parlaments gerne verzichtet?

Brok: Europa, so wie wir es heute kennen, ist eine riesige Erfolgsgeschichte. Das größte Freiheits- und Friedensprojekt der Welt hat mich persönlich aber auch reichlich Nerven und Schweiß gekostet. Der Kampf um Konsens bei so vielen Nationen und politisierten Traditionen kostet Kraft.

Der aufkommende Nationalismus in vielen europäischen Ländern besorgt mich sehr. Dass wieder einmal antidemokratisches Gedankengut Einzug in unsere Parlamente hält, hätte ich mir nicht ausmalen können. Darauf hätte ich zum Ende meiner Abgeordnetentätigkeit gerne verzichtet. Nun ist es die Aufgabe auch der JU für unsere Werte, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und für ein starkes Europa zu kämpfen.

Sie kennen die ganze Welt. Was bedeutet Ihnen da Ostwestfalen-Lippe?

Brok: Um ein Zitat von Helmut Kohl leicht abzuwandeln, kann ich sagen, dass Ostwestfalen-Lippe meine Heimat, Deutschland unser Vaterland und Europa unsere Zukunft ist! Herkunft und Wurzeln bedeuten mir viel. Noch heute bin ich jede freie Minute in meinem Wahlkreis OWL unterwegs – sei es auf dem schicken Jahresempfang eines Handelsverbands, dem volkstümlichen Schützenfest oder den unzähligen Grünkohlessen von CDU-Ortsverbänden. Die Leute sind bodenständig, bescheiden und fleißig – das zeigt sich an den vielen familiengeführten Erfolgsunternehmen wie Dr. Oetker, Miele oder Claas und viele mehr.

Wen oder was aus OWL sollte Ihrer Meinung nach jeder kennen?

Brok: Die Stadt, die es angeblich nicht geben soll, muss man als Nordrhein-Westfale kennen. Bielefeld ist eine wunderbar lebenswerte Stadt mit tollen Menschen, sozialen Institutionen wie Bethel und erfolgreichen Unternehmen sowie einem Fußballverein, bei dem man jede Saison aufs Neue mitleiden und –jubeln kann. Die Schönheit des Lipper Landes, die Klöster Höxter und Paderborn, die Pferde Herfords und das Tempo Güterslohs muss man kennen. Darüber hinaus empfehle ich dem geneigten Gourmet die ostwestfälische Küche – ob Lappenpickert, Pumpernickel oder Pfefferpotthast, satt geworden ist bei uns noch jeder!

Was möchten Sie den JU-Mitgliedern von heute als Ratschlag oder auch als Aufgabe für die Zukunft mitgeben?

Brok: Immer den fairen und offenen Dialog zu suchen, statt Vorurteile zu hegen und fahrlässig zu falsche Einschätzungen zu gelangen, das muss das Ziel junger Menschen sein. In Zeiten der zunehmenden Digitalisierung darf der Mensch nicht zum bloßen Objekt degradiert werden, sondern weiterhin Mittelpunkt des (politischen) Handels bleiben. Daher kann ich als alter JU-Veteran (Stellv. JU Bundesvorsitzender von 1973-1981) den vielen engagierten Jungpolitikern nur raten, sich weiterhin kritisch aber vorurteilsfrei in die Debatten einzubringen. Die JU war immer stark, wenn sie eigenständige Positionen erarbeitet und artikuliert hat. Dafür wünsche ich der JU auch in Zukunft alles Gute! Die Kraft der Sachargumente darf nicht in Fake News untergehen.

JU: Ein Blick auf Ihre Homepage zeigt, dass Sie im Grunde jeden Spitzenpolitiker schon persönlich getroffen haben. Gab es dennoch Begegnungen, die herausstechen und für Sie ganz besonders waren?

Brok: Es gibt Begegnungen, die beeindrucken und es gibt Zusammentreffen, aus denen sogar mehr entsteht, als eine bloße Bekanntschaft. Mit dem Dalai Lama in den Meinungsaustausch zu treten, eine neue Kultur kennenzulernen, beeindruckt schon tief.

Aber auch meine vielen transatlantischen Freunde in Amerika, wie der kürzlich verstorbene Ex-Präsident George Bush sen., werden mir in guter Erinnerung bleiben. Auf die Männer der letzten Jahrzehnte war noch Verlass, das gesprochene Wort galt – das kann man heute leider nicht über jeden nordamerikanischen Präsidenten sagen.  Helmut Kohl und Johannes Paul II stehen aber ganz oben auf meiner Liste.

JU: Sie kennen die Geschichte der Europäischen Union und des Europaparlaments im Besonderen wie kein Zweiter. Was hat sich verändert?

Brok: Bei offenen Diskussionen im Parlament hat es schon immer harte Schlagabtäusche gegeben. Auch hat mal ein Wort das nächste gegeben. Aber man hatte stets Respekt vor dem Kollegen oder der Kollegin. Hinterher ist man ein Bier trinken gegangen und hat sich ausgesprochen. In Zeiten des Internets wird vieles anonymer – auch der Umgang der Kollegen im Parlament miteinander. Am Morgen wird noch freundlich die Hand geschüttelt, am Nachmittag liest man dann einen Tweet, bei dem man nicht gut weg kommt. 

Insgesamt hat die Digitalisierung zu einer Schnelllebigkeit beigetragen. Alles wird transparenter und Informationen sind besser zugänglich. Das darf aber nicht dazu führen, dass all diejenigen, die einen SPON-Artikel gelesen haben, als Experten gelten. Abwägungsprozesse in der EU bedürfen ihrer Zeit. Und vor allem muss die Wahrheit gegen die „alternative Wahrheit“ des Netzes verteidigt werden - das haben wir Demokraten noch nicht geschafft.

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